1961 kam ich zum ersten Mal nach Deutschland und arbeitete für 6 Monate als Gastarzt bei Professor Vossschulte in der Chirurgischen Klinik. Ich kann mich gut daran erinnern, dass viele Menschen, auch meine Kollegen, gesagt haben, ich sei der erste Türke, den sie kennen gelernt hätten.
Zurzeit leben mehr als zwei Millionen Türken mit Ihnen in Deutschland und viele Deutsche sind bereits in der Türkei gewesen und es leben fast einhunderttausend Deutsche heute dauerhaft in der Türkei. Die Statistiken zeigen außerdem, dass ihre Zahl von Tag zu Tag steigt.
Mehr als 40 Jahre ist es nun her, dass die Türken als Folge des schnellen Wachstums und des dadurch in der Wirtschaft aufgetretenen Mangels an menschlicher Arbeitskraft hier eingewandert sind. Inzwischen sind die Türken keine Fremden mehr, sondern Mit- bürgern, die Sie mit ihren Stärken und Schwächen ziemlich gut kennen, sodass ich annehme, dass Sie die Türken anders als die übrigen Menschen aus dem Nahen Osten beurteilen.
Nun halte ich es für nötig, Ihnen zu erklären, wodurch die gesellschaftlichen und historischen Prozesse in der Türkei entstanden sind, die diese Andersartigkeit hervorgerufen haben.
Dazu bitte ich Sie, mit mir eine kurze Reise in die Geschichte zu machen, die verdeutlichen soll, wie der heutige moderne Staat der türkischen Republik auf den Bausteinen des Osmanischen Reiches neu gegründet worden ist.
Das Osmanische Reich wurde im 13. Jahrhundert in und um die historische Stadt Bursa gegründet, die heute eine der wichtigsten Städte der Türkei ist.
In den folgenden 500 Jahren (Abb.) erweiterte sich das Osmanische Reich im Westen bis Wien und an die Adria und im Osten bis zum Kaspischen Meer. Nördlich umfasste es die Krim und südlich Nordafrika und die Arabische Halbinsel.
Das Osmanische Reich verlor die innerhalb von 500 Jahren erworbenen Länder in 250 Jahren (Abb.), zuerst langsam, dann aber schnell .
, Zwar hatte man schon während des Niedergangs und Zerfalls des Osmanischen Reiches diesen Rückgang zu verhindern versucht, aber alle diese Bemühungen waren nicht ausreichend.
Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts traten die Gebietsverluste schneller ein und wurden größer. Als Grund dafür sah man die Armee an und man dachte, den Niedergang zu verhindern, wenn man Reformen im Militär durchführen würde. Sultan Selim der
 Dritte(Abb. Sultan Selim) eröffnete für die Hauptbedürfnisse der Armee in diesem Zeitraum, zwei Hochschulen für Ingenieurwesen, je eine für die Marine und für das Militär.
Zur Versorgung dieser Schulen mit Lehrmaterialien gründete er eine Druckerei in Üsküdar(Abb. Diatribe) die als erste im osmanischen Reich mit lateinischen Buchstaben drucken konnte. Er ließ Fachbücher aus dem französischen in die osmanische
Sprache übersetzen, oder das französische Original nachdrucken.
Diese geplanten und begonnenen Reformen störten die bereits in Aufregung versetzten Janitscharen (Abb.) und führte sie zum Aufstand. Bei diesem Aufstand wurde der Sultan Selim der Dritte ermordet . Diese Armee war ein Staat im Staate und gegen jede Modernisierung.
Mahmud der Zweite, der jetzt auf den Thron kam, löste die Janitscharen auf, indem er ihre Kasernen zerstörte. An ihren Stelle gründete er eine moderne Armee (Abb. Moderne Armee), ließ aus Preußen Offiziere für Kavallerie und Artillerie kommen und eröffnete die Kriegsschule (1834).
Sowohl diese neu gegründete Kriegsschule als auch das Volk brauchten eine ausreichende und effiziente medizinische Versorgung. Das war so wichtig, dass der Sultan damit keine Zeit verlieren wollte. Daher gründete er sofort die Medizinische Hochschule. Er ließ Lehrkräfte aus Frankreich kommen und machte Französisch zur Unterrichtssprache in dieser Schule. Um seine Absichten zu erklären, machte er die folgende Eröffnungsrede:
„Es geht mir nicht darum, Ihnen Französisch beizubringen. Meine Armee und mein Volk brauchen dringend gut ausgebildete Ärzte. Leider haben wir dafür weder ausreichende Ärzte, noch genügend Lehrer oder aktuelle Bücher, um dieses Fach zu unterrichten. Ich möchte mit der Übersetzung und Neuschreibung oder Unterrichtung von diesen Lehrbüchern keine Zeit verlieren. Während wir für die Ausbildung der Ärzte sorgen, werden wir uns auch auf die Rückkehr in unsere eigene Sprache vorbereiten”.
Alle diese Maßnahmen waren vorübergehende Lösungen. Das Land hatte wirtschaftliche, juristische und soziale Probleme. Als Mahmud der Zweite mit 54 Jahren an Tuberkulose starb, war das nun die Aufgabe seines Sohnes Abdülmecid (Abb.), der an seiner Stelle auf den Thron kam.
Sultan Abdülmecid hatte eine sehr gute Ausbildung genossen und wollte die Bemühungen seines Vaters nach Westen weiter führen:
Der damalige Osmanische Botschafter in London, Mustafa Reschid Pascha, wurde von Sultan Abdulmecid als Außenminister ernannt. Er war ein guter Politiker, der sich in der europäischen Politik gut auskannte. Mustafa Reþit Paþa hat erreicht, dass Abdülmecid die Tanzimat-Bewegung, das heißt, die neuen Anordnungen, akzeptiert hat.
Diese Anordnung kann im Osmanischen Staat als Anfang eines Grundgesetzes gesehen werden. Damit hat der Sultan Gesetze akzeptiert, die über ihm stehen. Neben anderen Reformen bekamen auch die Minderheiten wichtige bürgerliche Rechte.
Ein Jahr später wurde das erste Parlament geschaffen und eine Repräsentativ-Verfassung nach dem Zweikammersystem ins Leben gerufen.
Die Reformer der Tanzimat- Periode, zumeist hohe Beamte und Diplomaten, die das westliche Ausland kennen gelernt hatten, versuchten auch –zunächst ohne den Anspruch der Scheria offen anzutasten –neue Gesetzbücher durchzusetzen.
Dabei folgten sie meist französischem Vorbild. Von da an werden der Geltungsbereich der Scheria und damit der Rechtssprechungsbereich der Kadis, der damaligen Richter immer begrenzter.
Die Reformen, die auf dem Gebiete der Militärtechnik und Organisation begonnen hatten, ermöglichten in diesem Zeitraum auch den Einlass für die modernen Wissenschaften.
Wichtig für die Mitte des 19.Jahrhunderts, in der die islamischen Schulen noch nicht angetastet werden konnten, war die Schaffung neuer weltlicher Schultypen. Sie übernahmen die Ausbildung zum modernen Beamten, Juristen, Arzt, Ingenieur und Offizier und verdrängten so langsam die religiösen, dem Fortschritt verschlossenen Erziehungsinstitutionen.
Der Bau des Palastes Dolmabahçe(Abb. / Abb.) und der Umzug aus dem 400jaehrigen
Topkapý Palast (Abb.) zum Neuen fand auch zu Abdülmecit’s Zeit statt.
Diese erfreulich positiven Ereignisse im Osmanischen Reich sind durch hintereinander durchgeführte Kriege auf der Krim, in Tripolis und in den alkan Landern zum Stillstand, sogar zur Regression gekommen. Durch die Niederlage des Osmanischen Reiches im ersten Weltkrieg verlor das Reich letztendlich alles an Hab und Gut.
Am Ende dieses ersten Weltkrieges hatte die türkische Nation nur noch ein kleines Landstück in Mittelanatolien um Ankara (Abb. Staatskarte), wo sie sich nun auf ihren Kampf um Freiheit und Überleben vorbereiten musste, um einen neuen Staat gründen zu können.
Jedoch hatte das Osmanische Reich nichts hinterlassen, auf das man aufbauen konnte, Alles musste neu organisiert und neu angegangen werden. Zu Beginn des Kampfes berief Mustafa Kemal (Abb.) die Grosse National Versammlung nach Ankara, welche ihn zum Präsidenten und zum Leiter der Vollzugsgewalt ernannte. Dieser im Anschluss des ersten Welt Krieges durchgeführte dreijährige nationale Befreiungskampf unter der Führung von Mustafa Kemal legte die heutigen Grenzen der Türkei fest
(Türkei Landkarte). Er hat
zwischen 1919 und 1923 im
Westen mit den Griechen, im
Süden mit den Italienern, im
Südosten mit den Franzosen und
im Osten mit der russischen
Armee und mit armenischen
Banden an vier Fronten
gekämpft
Dieser Grundsatz gewährte keinen Platz mehr für eine eigenstaendige islamische Zivilisation wie für die imperiale Osmanische Tradition.
Die Abschaffung des Sultanats am 1.November 1922 war konsequenterweise die Folge dieses Denkens. Die Erneuerungswahlen für die Grosse National Versammlung im Sommer 1923 mündeten in einen beispiellosen Sieg der Volkspartei Mustafa
Kemals. Am 29. Oktober 1923 wurde die Republik ausgerufen. Nach der Gründung der Republik genoss Atatürk die Liebe und das Vertrauen des Volkes,
so dass es den aufeinander folgenden Reformen keinen Widerstand zeigte.
Gehen wir diese Reformen kurz nach chronologischer Reihenfolge durch:
März 1924 : Abschaffung des Kalifats
In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf einen wichtigen Punkt aufmerksam machen. Die Abschaffung des Kalifats und die Ausweisung des Kalifen aus der Türkei, sowie die Einführung des lateinischen Alphabets anstelle des arabischen Alphabets und die Aneignung der laizistischen Erziehung und des westlichen Rechtsystems hat nicht dazu geführt, dass die in der neu gegründeten türkischen Republik lebenden moslemischen Türken sich von Islam abgewendet haben ,sondern dass der religiöse Glauben und seine Ausführung im richtigen Rahmen durchgeführt wird. Den größten Schaden erfährt die wahre Religion durch die Fanatiker und die jenigen, die sie ausnutzen möchten. Wie alle anderen Religionen, wird der Islam auch, nach der Reinigung von der Politik und Machtkämpfen unanfechtbar und ehrenwürdig.
Heutzutage, wo der Islam mit vielen negativen Beispielen assoziiert wird, möchte ich zwei weltbekannte Schriftsteller und Historiker zitieren, die objektiv darlegen, wie der Islam vor hunderten von Jahren hoch angesehen war.
Bei Isaac Asimov kann in seinem Werk (Abb.) Constantinople: The forgotten Empire nachgelesen werden (Abb.), dass die Byzantiner während der Besatzung von Byzanz durch die Osmanen, Hilfe aus dem Westen abgelehnt haben.
ISAAC ASIMOV
Constantine XI, out of sheer desperation, once again in 1452 Attempted to acknowledge papal supremacy, but even at the brink of the abyss the people would not follow him.
This was not sheer madness. Under the Turks the Byzantines would be free to practice their own form of Christianity; Under the Rome they would not.
Als zweites Beispiel (Abb. Buch) möchte ich aus Arnold Toynbee’s Mankind and Mother Earth folgendes zitieren (Abb. Text):
“Der im Koran festgelegte Befehl, anderen Religionen gegenüber tolerant zu sein und der Verzicht auf Missionarsarbeit der islamischen Garnizonen in den besetzten Gebieten hat den islamischen Armeen die Eroberungen erleichtert“
Dieses Thema möchte ich mit den folgenden Worten des grossen Humanisten Yunus Emre ,der im 14ten Jahrhundert gelebt hat ,beenden (Abb. Yunus Emre).
Es lautet so:
’Die Menschen der zweiundsiebzig Nationan, Alle besitzen die Ehre , von Gott erschaffen worden zu sein. Wie dürfte ich sie denn, von einander unterscheiden. Wenn ich dies taete waere es denn nicht unhöflichkeit gegenüber Gott?
Also, gehen wir weiter die Reformen in chronologischer Reihenfolge durch (Abb. Tabelle):
November 1925: |
Vorschriften zur Bekleidung |
Dezember 1925: |
Übernahme des Europäischen Kalenders |
1926: |
Übernahme des schweizerischen Zivilrechts ‘’ ‘' Schulrechts ‘’ deutschen Handelsrechts ‘’ italienischen Strafrechts |
August |
1928: |
Annahme des lateinischen Alphabets |
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1929: |
Schutzzölle wurden zu Gunsten der nationalen Industrie Eingeführt. |
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1930: |
Wahlrecht für Frauen |
Mai |
1931: |
Die Kemalistische Partei nahm das Prinzip des Laizismus in ihr Programm auf und erklärte die Religion zur Gewissenssache des einzelnen. |
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1932: |
Atatürk gründete die Türkische Sprachgesellschaft, deren größte Aufgabe bis zum heutigen Tage die Schaffung und Pflege einer vom Arabischen und Persischen gereinigten türkischen Sprache ist. |
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1933: |
Für Architektur, Malerei, Bildhauerei und Musik wurden Akademien gegründet. |
(Abb. : Mustafa K. mit Mutter, Dardenellen, mit Ehefrau, mit der Familie, Trauzeuge, in moderner Bekleidung, moderne Kopfbedeckung, Enthusiasmus der Bevölkerung, lateinisches Alphabet, L´illustration, Time, Atatürk mit Studenten)



Von besonderer Bedeutung ist die Gründung moderner Universitäten. An ihrem Aufbau, haben viele deutsche Professoren mitgewirkt, die Deutschland verlassen mussten. Atatürk erkannte die Chance und gewährte ihnen Asyl. Eine lebendige, geistige Aktivität entwickelte sich auf allen Gebieten, um die zwei Ziele zu verwirklichen: Nämlich
-Die Adoption der westlichen Zivilisation und -Die Rückbesinnung auf die eigene türkische Vergangenheit vor der osmanischen Zeit.
(Für weitere Information: Fritz Neumark ‘’Zuflucht am Bosporus’’ Deutsche Gelehrte, Politiker und Künstler in der Emigration) (Abb. Buch)
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Liebe Freunde,
Die neuere türkische Vergangenheit dürfte den meisten von Ihnen bekannt sein, so dass ich darauf verzichte, sie näher zu erläutern.
Ich möchte meine Rede mit folgender Bemerkung abschließen: Ich muss zugeben, dass ich fast kein Deutsch sprechen konnte, als ich zum ersten Mal nach Giessen kam.
Ich war nach Giessen gekommen, nicht nur um meine beruflichen Erfahrungen zu erweitern und zu bereichern, sondern auch um Deutsch zu lernen. Nach dem türkischen Hochschulgesetz musste man eine ziemlich schwere Fremdsprachenprüfung bestehen, um zu habilitieren und den Dozenten Titel zu erwerben. Ich hatte diese Prüfung in Englisch abgelegt und habilitiert.
Um nach fünf Jahren den Professoren-Titel zu bekommen, musste ich diese Prüfung in einer anderen europäischen Sprache ablegen und dabei habe ich mich für Deutsch entschieden.
Mit diesen Einzelheiten möchte ich folgendes klarstellen:
Die Türkei musste die wissenschaftlichen Entwicklungen in allen Fachrichtungen möglichst aktuell verfolgen. Diese Möglichkeit durfte nicht das Privileg einer kleinen Minderheit sein. Alle Akademiker sollten dieses Niveau erreichen. Als Englisch, später die Weltsprache wurde und dieser Zwang zur zweiten Fremdsprache ,die Kandidaten für eine Professur überforderte, wurde diese Regelung aufgehoben. Dafür wurde die Prüfung der ersten Fremdsprache deutlich erschwert.
Die Menschen bringen ihr Erstaunen und ihre Bewunderung zum Ausdruck, wenn sie von der Notwendigkeit einer Fremdsprachenprüfung für einen akademischen Titel erfahren.
Vielleicht wird dieser Zwang bald unnötig, denn es ist selbstverständlich für einen jungen Menschen, der eine akademische Karriere plant, in dieser kommunikativen Welt eine Fremdsprache zu beherrschen. Aber früher war diese Maßnahme notwendig und hat die Modernisierung der Gesellschaft sehr gefördert.
Das Hauptziel der Modernisierung der Türkei muss der Ausgleich der Entwicklungsdifferenzen zwischen den einzelnen Landesteilen sein.
Die Kriterien, deren Erfüllung von jedem EU-Beitrittskandidat erwartet wird, geben uns große Kraft zur Erreichung dieses Zieles.
Einige Länder haben wegen schon bekannten Gründen Zweifel an unserem Beitritt in die EU.
Das ist für uns zwar ,enteuschend, aber hindert uns nicht an unserer Entschlossenheit. Denn, diese Normen wollen wir auch für uns, erfüllen und wenn der Eintritt doch scheitert, ist das keine verschwendete Mühe.
(Abb. Nazým Hikmet) Wie unsere weltbekannte Dichter Nazým Hikmet, vor fast hundert Jahren formuliert hatte:
Leben einzeln und frei wie ein Baum Doch brüderlich wie ein Wald Diese Sehnsucht ist unser.
Meine verehrten Damen und Herren
Das ist eine Zusammenfassung eines zweihundert jährigen Abenteuers meines Landes,in die Richtung nach Westens.
(Abb.) Bei der Vorbereitung meiner Rede haben mir die Gedanken aus diesem Buch von Dr.Angela Göktürk, sehr geholfen .
Für ihre Hilfe bin ich ihr zu tiefstem Dank verpflichtet.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Teilnahme, an diesem für mich glücklichen Tag.
Erol Düren |